Geschäftsbericht 2016DEENCN
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Eine Verbindung mit Zukunft:
Gute Bakterien im Futter

DIE WELTGESUNDHEITSORGANISATION SIEHT EINEN ZUSAMMENHANG ZWISCHEN DEM EINSATZ VON ANTIBIOTIKA IN DER NUTZTIERZUCHT UND DEM AUFTRETEN VON GEFÄHRLICHEN MULTIRESISTENTEN KEIMEN BEIM MENSCHEN. PROBIOTIKA VON EVONIK SOLLEN DAZU BEITRAGEN, DEN EINSATZ ANTIBIOTISCHER WACHSTUMSFÖRDERER IN DER LANDWIRTSCHAFT ZU VERRINGERN.

Es geht turbulent zu im Stall, wenn sich viele Tausend Masthähnchen zusammen auf einer Fläche bewegen. Dennoch erkennt der Züchter bei seinen Rundgängen sehr schnell, wenn etwas mit den Tieren nicht in Ordnung ist. Verhalten sie sich auffällig oder entdeckt er erkrankte Tiere, muss der Tierarzt kommen. Bei bakteriellen Infektionen werden Antibiotika eingesetzt, damit sich die Erkrankung nicht im Stall ausbreitet.

Probiotika von Evonik helfen, die Darmflora von Hühnern zu stabilisieren.

Andere Krankheiten verlaufen scheinbar symptomlos und bleiben deshalb leicht unentdeckt. Dazu gehört auch die weit verbreitete subklinische nekrotische Enteritis, die von Bakterien der Art Clostridium perfringens verursacht wird. Nehmen diese Keime im Verdauungssystem überhand, schädigen sie die Darmwand. Das kranke Huhn frisst dann zwar noch, wächst aber nicht mehr so, wie es soll – und steckt andere Tiere an. Für den Züchter bedeutet das ein erhebliches Risiko, denn die Futterverwertung ist einer der wichtigsten Faktoren für die Wirtschaftlichkeit seines Betriebs. Der so in der weltweiten Geflügelzucht entstehende Schaden wird auf mehrere Milliarden US-$ pro Jahr geschätzt.

Seit den 1950er-Jahren war es deshalb üblich, Antibiotika in der Geflugelfütterung vorbeugend als sogenannte antibiotische Wachstumsförderer gegen Erkrankungen wie die subklinische nekrotische Enteritis einzusetzen. Diese Praxis machen Wissenschaftler heute mitverantwortlich für das vermehrte Auftreten multiresistenter Keime beim Menschen, die sich kaum noch mit vorhandenen Antibiotika behandeln lassen. In der Europäischen Union ist der Einsatz antibiotischer Wachstumsförderer deshalb seit 2006 verboten. In ihrem globalen Aktionsplan gegen Antibiotikaresistenzen fordert die Weltgesundheitsorganisation einen umsichtigen Einsatz der Medikamente bei Tieren. Und auch Handel und Gastwirtschaft reagieren: In den USA werben viele Supermärkte und Restaurantketten inzwischen damit, Fleisch von Tieren anzubieten, die keine Antibiotika bekommen haben.

Damit ist die Gefahr der Ausbreitung unerkannter Krankheiten im Stall mit all ihren Folgen aber nicht gebannt. Ein Beitrag zu ihrer Behebung: der Einsatz von Bakterien, die die Darmflora stabilisieren, sogenannten Probiotika. Das sind lebende Mikroorganismen, die mit dem Futter verabreicht werden und sich so verstärkt im Darm von Nutztieren wie Hühnern ansiedeln.

Schätzungsweise rund eine Milliarde US-$ wurden 2016 weltweit mit Probiotika für die Tierernährung umgesetzt. Experten erwarten ein jährliches Wachstum von sechs bis zehn Prozent. Im diesem Markt will Evonik künftig eine führende Rolle spielen. „Dank unserer Erfahrung mit Aminosäuren kennen wir uns mit den Ernährungsbedürfnissen von Nutztieren bestens aus und werden von der Tierernährungsindustrie als Partner auf Augenhöhe geschätzt“, sagt Christoph Kobler, der im Geschäftsgebiet Animal Nutrition von Evonik den Produktbereich für nachhaltig gesunde Tierernährung leitet. „Wir wollen unseren Kunden exzellente Produkte bieten und sie mit passgenauen Dienstleistungen und unserem umfassenden Wissen unterstützen.“ Weltweit können sich dank des steigenden Wohlstands immer mehr Menschen Fleisch als Nahrungsmittel leisten. Allein 2015 wurden weltweit rund 320 Millionen Tonnen Fleisch produziert, davon rund 115 Millionen Tonnen Geflügelfleisch. Und der Bedarf wächst.

Auch in der Schweinezucht finden Probiotika von Evonik Anwendung.
Lachszucht vor Island – ein mögliches Einsatzgebiet für Probiotika von Evonik.

Im Sommer 2016 hat Evonik das Probiotikageschäft der spanischen Firma NOREL übernommen, zu dem Produkte für die Masthähnchen-, die Ferkelzucht und die Aquakultur gehören. Letzteres befindet sich in der Zulassung, die beiden anderen sind bereits in Europa auf dem Markt. Außerdem führt Evonik 2017 in den USA und in China ein aus eigener Forschung stammendes Produkt für Masthähnchen ein, das unter dem Namen GutCare® PY1 vermarktet wird. Es enthält Sporen eines speziellen Stamms des Bakteriums Bacillus subtilis und hemmt den Erreger der subklinischen nekrotischen Enterbtes.

Weitere Produkte sollen folgen. Dabei nutzt der Konzern auch seine Forschungskompetenz. Die Wirkungsweise von Probiotika wird bislang erst im Ansatz verstanden. Evonik will als erstes Unternehmen weltweit seinen Kunden eine neue Generation von speziell für sie entwickelten Probiotika mit nachgewiesener Wirkung anbieten. Dazu arbeiten Wissenschaftler am Standort Halle-Künsebeck an einem neuartigen Darmsimulationsmodell. Es soll die Verdauung von Hühnern im gesamten Magen-Darm-Trakt biochemisch nachahmen und die Wirkung der Futterzusätze zeigen. Das Projekt gehört zur Innovationsallianz Good Bacteria and Bioactives in Industry (GOBI), die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird*.

„Im Darm eines Huhnes leben über 100 Milliarden Bakterien. Die Mechanismen, die dort wirken, sind also äußerst komplex“, erklärt Peter Freisler, der das Geschäft mit Produkten für die Darmgesundheit von Tieren verantwortet. „Das Modell von Evonik soll schon im Labor untersuchen, wie Probiotika wirken und wie sie die Gesundheit der Tiere beeinflussen. Dieses Wissen erleichtert später auch den optimalen Einsatz der Produkte.“ Der Einstieg in den Markt für Probiotika ist für Evonik ein erster Schritt: „Wir betrachten jetzt die Gesundheit von Nutztieren umfassend und von allen Seiten“, erklärt Evonik-Experte Kobler. „Unser Ziel sind Lösungen, die eine nachhaltige und gesunde Tierhaltung und damit Fleischproduktion ermöglichen.“ Davon profitieren Züchter und Verbraucher – und auch die Masthähnchen im Stall.

* Das Teilprojekt „Good Bacteria and Bioactives in Industry – GOBI- FEED“ wird unter dem Förderkennzeichen 031B0074C vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Fördermaßnahme „Innovationsinitiative zur industriellen Biotechnologie“ gefördert.